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Warum Schwule und Lesben in die Offensive gehen müssen

- 30 Jahre nach dem Aufstand in der Christopher Street -

Es ist modern geworden, die Unterdrückung gleichgeschlechtlicher Liebe als längst vergangen hinzustellen. Der "Fokus" fragte auf einem berühmt gewordenen Titelblatt "Leben Schwule besser?", das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" schrieb 1997:

"Die ersten Vertreter einer einmaligen, neuen Klasse tauchen auf: junge Schwule, die Diskriminierungen und Angriffe nie fürchten mußten..."

Hinzpeter

Diese Darstellung findet Bestätigung auch von schwuler Seite. In seiner Polemik "Schöne schwule Welt - der Schlußverkauf einer Bewegung" kommt der Stern-Redakteur Werner Hinzpeter zu dem Schluß: "Die Schwulen haben den Hauptgewinn erzielt, ohne es zu bemerken."

Dem Motto "Feiern statt Jammern" gemäß, richtet sich Hinzpeters Attacke vor allem gegen jene "Handvoll Funktionäre" der Schwulenbewegung, die die "letzten Diskriminierungen" mit "übertriebenem Rummel" zu Markte trägt.

Ein bißchen Diskriminierung werde es zwar immer geben. Eine schwule Emanzipationsbewegung hält Hinzpeter aber für überflüssig.

Wie tiefgreifend Hinzpeters Differenzen mit den "offiziellen" Magazinen der Szene und der politischen Strategie des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschlands (LSVD) sind, ist allerdings trotz der feindseligen Aufnahme seines Buches fraglich.

Markt

Gemeinsam ist ihnen allesamt, daß sie den Weg zur Freiheit in einem stetigen Wachstum der "pink economy" und dem Aufbau der "schwulen Marktmacht" sehen. Je größer und profitabler die schwullesbische Szene, und je finanzkräftiger die Schwulen und Lesben selbst, desto weniger Raum bleibt dieser Ansicht nach für Diskriminierung.

Der schwule Unternehmer wird zum Helden der Emanzipation aufgebaut und darf sich so fühlen. Wie beispielsweise Gary Henshaw:

"Ich denke, es ist eine gute Umgebung. Eine Menge junger Leute kommen und arbeiten in einem schwulen Unternehmen, im wesentlichen um sich selbst zu befreien. Sie sind mit den Problemen des Schwulseins aufgewachsen, kommen plötzlich damit raus, arbeiten in einem schwulen Club oder einer Bar, wo sie Leute finden, die sie akzeptieren und eine coole Zeit verbringen."

Wer die Zustände in der Gastronomie kennt, wird Zweifel an der befreienden Wirkung eines dortigen Jobs haben. Doch der Mythos vom gemeinsamen Interesse von rosa Arbeit und Szene-Kapital treibt noch ganz andere Blüten.

Nach dem Lesbenwein "Corange" mit dem Doppelaxtsymbol und dem Handy für Schwule der "Pride Telecom", hat der Kölner Unternehmer Michael Adamczaks nun den schwulen Kühlschrank erfunden:

"Schwule ernähren sich gesundheitsbewußt, also muß das Gemüsefach größer sein. Außerdem brauchen sie mehr Ablagen für Sekt und Weißwein."

Realos

Das Bild vom Durchschnittsschwulen als dem mondänen, erfolgsorientierten Szene-Yuppie, der gutes Geld verdient, viermal soviel feiert wie der Normalhetero und den Rest seiner Zeit beim Friseur verbringt, wird gezielt aufgebaut - nicht nur von schwullesbischem Unternehmertum und der Szenepresse.

Auch der LSVD, der auf seinen anzeigenfinanzierten Internetseiten auch gleich noch eine verbandsnahe Versicherung für Schwule und Lesben anpreist, spielt seinen Part in der allgemeinen Realitätsverzerrung.

Zwar arbeiten viele ehrlich engagierte Basisschwule im Rahmen des Verbandes.

Politisch kontrolliert wird er aber von einer dem rechten Flügel der Grünen zuzuordnenden Gruppierung um den schwulen Bundestagsabgeordneten Volker Beck.

Die Verengung der traditionellen Forderung nach gleichen Rechten auf das Eherecht ist ein gutes Beispiel für deren Herangehen.

Die "eingetragene Lebenspartnerschaft" drückt das Bedürfnis jener Realo-Schwulen aus, sich gemäß ihrer sozialen Lage und nach der Machtbeteiligung als grüne Funktionäre nun auch als schwule und lesbische Bürger etablieren zu dürfen.

So unterstützenswert die Reform trotz alledem natürlich ist, gäbe es für die Masse der Schwulen und Lesben wesentlich dringlichere Forderungen - die Anerkennung sexueller Verfolgung als Asylgrund etwa oder besseren Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz.

Realität

Denn entgegen dem Bild, das uns von ökonomisch und politisch interessierter Seite verkauft wird, gehört die große Mehrheit der Schwulen und Lesben nicht zu den Gewinnern des neoliberalen Zeitalters.

Sie verdienen ihren Lohn als stinknormale Angestellte oder Arbeiter und in aller Regel außerhalb der traditionell homophilen Exotenparks, wie dem Kulturbetrieb, der Mode- oder der Werbebranche.

Oder sie sind arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, von der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern abhängige Jugendliche oder Studenten mit schlechtbezahltem Nebenjob. Für diese schwullesbische Mehrheit ist das Zeitalter der Unterdrückung noch lange nicht vorbei. In einem durchschnittlichen Großbetrieb schwul oder lesbisch zu sein, ist auch heute kein Spaß.

Wer arm ist und dem insbesondere in der schwulen Szene aggressiv durchgesetzten Schönheitsideal widerspricht, wird sich auch in der "pink economy" bei den Verlierern finden.

Auch das Bild vom nahenden Ende der Diskrimierung ist mehr als schief. Zweifellos hat die zunehmende Akzeptanz schwulen und lesbischen Lebens in den letzten Jahren die Lage für alle Homosexuellen verbessert. Es gibt allerdings gleichzeitig eine Tendenz in die andere Richtung, die fahrlässig übersehen wird.

Im Kampf gegen das Phantom der "Political correctness" halten es Harald Schmidt und andere für einen Akt der Befreiung, endlich wieder ungestört rassistische, frauen- und schwulenfeindliche Sprüche ablassen zu dürfen. Jene Form von "Tabubruch" hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß antischwule Witzeleien und billigstes Klischeegedresche selbst in Kreisen, die sich selbst als fortschrittlich definieren, erneut grassieren.

Auch das Thema "Ich bin nicht mehr schwul - Gott sei Dank!" bei Nachmittagstalkerin Bärbel Schäfer läßt fragen, inwieweit die vermehrte Präsenz schwullesbischer Themen in den Medien Homophobie zurückdrängt.

Stonewall

Daß es inzwischen trotzdem leichter ist, als in den 50er oder 60er Jahren, reklamiert heutzutage jeder schwule Clubbesitzer für sich und seine Zunft. Die gestiegene Akzeptanz hat allerdings mit der Entstehung einer schwullesbischen Subkultur rein gar nichts zu tun.

Die kommerzielle Subkultur ist nur Trittbrettfahrer der erkämpften Akzeptanz, nicht deren Ursache.

Der historische Urknall der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung, der Aufstand in der New Yorker Christopher Street 1969, ist hierfür das beste Beispiel.

Das New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village war bereits in den 50er Jahren mit schwulen und auch einigen lesbischen Lokalen gut bestückt. Die unerträgliche Situation in der Gesellschaft änderte sich dadurch keineswegs, daß Schwule und Lesben in ihrem kleinen rosa Ghetto abgezockt wurden.

Erst als ein Polizeiübergriff auf das Stonewall Inn mit zweitägigen Straßenschlachten beantwortet wurde, begann sich an der gesellschaftlichen Situation etwas zu ändern.

Daß gerade eine Razzia im Stonewall Inn zu den Ausschreitungen führte, war kein Zufall.

Der Aufstand 1969 war nicht nur eine Rebellion gegen die ständigen Übergriffe der Polizei, sondern auch ein Befreiungsschlag der unterprivilegierten Schwulen und Lesben gegen die Abhängigkeit von einer mafiakontrollierten, exklusiven und ausbeuterischen Szenewelt.

Wie Georg Klauda in einem exzellenten Artikel in dem seit kurzem erscheinenden Magazin für sexuelle Emanzipation "Gigi" schreibt:

"Für die Straßenkinder, die Tunten, Transen, für all die, die von der bürgerlichen Kleinfamilie und der kommerziellen Homoszene gleichermaßen ausgespukt wurden, ist das Stonewall eine Heimat, die sie mit Zähnen und Klauen gegen "die Schweine" (die Polizei) verteidigen."

Ursache

Die bis dato dominierende bürgerliche Schwulenbewegung reagierte entsetzt auf die Unruhen. Randy Wicker von der "New York Mattachine Society" äußerte:

"Der Anblick von kreischenden Tunten, die Sprechchöre rufen und um sich treten, widerspricht allem, was Leute meiner Ansicht nach von Homosexuellen denken sollen."

Aber eine neue Schicht von militanten, durch die Kämpfe rund um 1968 radikalisierten Aktivisten begann, der alten Garde die Führung der Bewegung streitig zu machen.

Während die Mattachine Society dazu aufrief, die öffentliche Ordnung zu bewahren, nutzten schwule und lesbische Militante den Aufruhr in der Christopher Street zur Gründung der radikalen "Gay Liberation Front".

Die Politik der GLF war in mancherlei Hinsicht problematisch, was zu ihrem letztlichen Scheitern beitrug. In ihrer Ablehnung einer falschen Einheit mit den Szene-Profiteuren war sie aber ebenso vorbildlich wie in der Erkenntnis, daß der Kampf gegen sexuelle Unterdrückung als Teil des Kampfes gegen das kapitalistische System geführt werden muß.

Der britische Marxist Tony Cliff erklärt, warum das nötig ist:

"Solange die traditionelle Kleinfamilie eine ökonomische Einheit für die Erziehung der Kinder und die Befriedigung der konsumptiven Bedürfnisse der Erwachsenen ist, werden Homosexuelle als abweichend betrachtet werden.

Der schwule Mann entspricht nicht der Männerrolle als Versorger von Frau und Kind, und die lesbische Frau entspricht nicht der Rolle als Frau und Mutter.

Die gegenwärtige Familie ist nicht nur ein Gefängnis für die, die in ihr leben, sondern versklavt auch diejenigen, die nicht in die Geschlechterrollen passen, die mit ihr verbunden sind."

Chance

Wie ist die Lage heute? Die eindrucksvollen Massenmobilisierungen zu den CSD-Paraden, das nach der AIDS-Krise wieder wachsende schwullesbische Selbstbewußtsein und der bei der Bundestagswahl zu besichtigende Linksschwenk eines nennenswerten Teils der Bevölkerung, haben die öffentliche Meinung sehr positiv beeinflußt.

Diese Chance muß entschlossen genutzt werden. Denn ein zu sich verschärfenden Wirtschaftskrisen neigendes System wie der Kapitalismus bietet keinen sicheren Hafen. Was gestern erkämpft wurde, muß schon heute verteidigt werden und kann schon morgen verloren sein.

Die Tragödie der ersten deutschen Schwulenbewegung sollte uns Warnung genug sein: Berlin "32: Hauptstadt sexueller Freiheit - Berlin "33: Hauptstadt des faschistischen Terrors!

Wir sollten die Gunst der Stunde deshalb nutzen und selbstbewußt in die Offensive gehen, anstatt die Emanzipationsbewegung vorschnell für überflüssig zu erklären oder die sexuelle Befreiung den Marktkräften zu überantworten.

Dummerweise ist jene Schicht von Verbandsfunktionären und Szene-Unternehmern, die derzeit die Führung schwullesbischer Politik innehaben, ein aktives Hindernis, für eine entschlossene Kampagne von unten.

Die Szeneprofiteure können mit einer Bewegung, die sich selbstbewußt ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft nichts anfangen. Sie sind ökonomisch auf die Abhängigkeit ihrer Klientel vom rosa Ghetto angewiesen.

Die Führung des LSVD kann mit schwullesbischer Selbstaktivität ebensowenig anfangen, da man die Masse vor allem auf die Wahl der Grünen und - seit dem Regierungswechsel - eine "kritische Begleitung" der neuen Bonner Machthaber beschränken will.

Bruch

Ein Bruch mit der bürgerlichen Führung ist notwendig, wenn wir die Chance nutzen wollen, offene und latente Homophobie nicht nur in Gesetzen, sondern auch in der Gesellschaft zurückzudrängen.

Dieser Bruch ist möglich.

Die zum Teil tumultartigen Debatten rund um den CSD belegen den wachsenden Unmut über die Selbstherrlichkeit der Szenefürsten und den Alleinvertretungsanspruch der schwulen Realos. Die schärfer werdende soziale Krise macht die verlogene Einigkeit des schwulen Barbesitzers mit der lesbischen Barkeeperin brüchiger.

Auch die lähmende Koppelung schwullesbischer Politik an die rot-grüne Regierung erweist sich immer mehr als Sackgasse.

Nicht nur die rot-grüne Jämmerlichkeit in Sachen Doppelpaß läßt Schlimmes ahnen, wenn Kirche und Konservative erst einmal gegen die Homoehe loslegen.

Auch Scharpings homophob begründete Weigerung, den Ausschluß von Schwulen aus Führungsfunktionen der Bundeswehr zu beenden, zeigt wie nötig es ist, die Abwarterei durch mobilisierten Druck von unten zu ersetzen.

Es ist unter Schwulen und Lesben, wie es unter Millionen derer ist, die am 27. September mit großen Hoffnungen Rot-Grün gewählt haben: Die Unzufriedenheit wächst, die alte Führung versagt - der Kampf um den Aufbau einer neuen, entschlossenen Führung von unten muß jetzt beginnen.

von Florian Kirner

Linksruck Nr. 71, 1. Juli 1999

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