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Warum sie Mumia Abu Jamal so fürchten

Die hatte im Süden der USA begonnen. Dort galten in den 50er Jahren die Jim Crow-Gesetze, die Rassentrennung in Bussen und öffentlichen Gebäuden gesetzlich festlegten. Zurückgekehrt aus dem großen demokratischen Krieg gegen Hitler, forderten die Schwarzen nun auch Demokratie in ihrem eigenen Land. Um Martin Luther King entstand eine riesige Massenbewegung. Millionen gingen auf die Straße. Mit friedlichen Mitteln wie massenhaften Sitzblockaden und Menschenketten sollte die Rassentrennung überwunden werden.
Die weißen Rassisten allerdings, organisiert im Ku Klux Klan, und die örtliche Polizei waren alles andere als friedlich. Innerhalb von vier Wochen wurden sechs Aktivisten ermordet, über Tausend verhaftet und drei Dutzend Kirchen schwarzer Gemeinden gingen in Flammen auf. Der Terror gipfelte 1968 in der Ermordung von Martin Luther King selbst.
Die Strategie der Gewaltfreiheit war dem gnadenlosen Terror bewaffneter Rassisten nebst Staatsapparat offensichtlich nicht gewachsen.

Riots

Am Tag nach Kings Ermordung kam es in über 150 Städten zu schweren Riots, aufstandähnlichen Auseinandersetzungen. Allein in Detroit kämpften Polizisten, die Nationalgarde und zwei reguläre Armee-Einheiten vier Tage und vier Nächte, um den Aufstand zu unterdrücken. 11 % der schwarzen Bevölkerung gaben später an, aktiv am Aufstand beteiligt gewesen zu sein.
Die Wut der Schwarzen darüber, im Vietnamkrieg verheizt zu werden, fachte den Aufstand zusätzlich an. Über 100 Heckenschützen, überwiegend Vietnam-Veteranen, beschossen eine Polizeistation. Die Aufstände wurden niedergeschlagen, die Radikalisierung aber blieb.
Der Aufstieg der Black Panther Party war der Beweis dafür. Sie bestand 1966 aus ganzen zwei Mitgliedern. 1968 war sie mit 5.000 Mitgliedern eine landesweite Organisation. Der vollständige Name der Partei war Black Panther Party for Selfdefence: Schwarze Panther Partei zur Selbstverteidigung.
Der Name war Programm. Patroling the Pigs hieß, den Polizisten, den Schweinen, hinterherzufahren und sie bewaffnet zu überwachen. Die weiße rassistische Polizei, die soviel Terror verbreitet hatte, bekam es selber mit der Angst zu tun.
Für Jugendliche im Ghetto waren die Panther Helden. So trat auch Mumia mit 15 in die Black Panther ein. Er hatte mit Freunden versucht, gegen einen rassistischen Aufmarsch zu demonstrieren. Nachdem sie verprügelt wurden und die Rassisten marschieren konnten, war ihm klar, daß man sich anders wehren mußte.
Die Panther verstanden, daß Rassismus kein Problem falscher Meinungen oder falscher Politiker ist, sondern Bestandteil des Kapitalismus.
So schrieb die Zeitung Black Panther: Wir verstehen, daß wir zwei Übel zu bekämpfen haben, Kapitalismus und Rassismus. Wir sehen das eine (Kapitalismus) als Ursache, das andere (Rassismus) als Wirkung.

Arbeiter

Die Flut jugendlicher Mitglieder aus den Ghettos hatte auch einen entscheidenen Nachteil. Die Panther konzentrierten sich auf die Ghettos und unternahmen keine Anstrengung, Arbeiter zu organisieren.
Nach dem Krieg waren aber Millionen schwarzer Arbeiter durch die brummende US-Industrie aufgesogen worden.
Die Vollbeschäftigung und der Boom der 50er und 60er Jahre wurden jedoch von der US-Arbeiterklasse teuer erkauft. Allein 1973 starben 20.000 Arbeiter bei Produktionsunfällen. Das waren mehr Tote pro Jahr als auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges. Zusammen mit der politischen Radikalisierung um 1968 entstand ein hochexplosives Gemisch.
Schwarze Sozialisten in Detroit erkannten, wie wichtig Arbeiter waren: In einer Fabrik haben wir 10.000 Leute, die mit den gleichen Bedingungen konfrontiert sind. Wenn Du ins Ghetto gehst, gibt es ganz unterschiedliche Interessen. Die Aktionen, die Du dann machen kannst, schaden den Herrschenden nicht. Wenn Du aber das Hamtrack-Werk von Chrysler bestreikst, kostet sie das 1.000 Autos pro Tag!
Organisiert um die Zeitung Inner City Voice versuchten sie, Arbeiter in dem Dodge Main Plant in Detroit zu organisieren. Als die Geschäftsleitung am 2. Mai 1968 die Bandgeschwindigkeit erhöhen wollte, traten 4.000 Arbeiter in wilden Streik. Die frisch gegründete revolutionäre Gewerkschaft DRUM (Dodge Revolutionary Union Movement) rekrutierte hunderte Arbeiter. Überall in der Stadt schossen RUM-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. Bis zu 40.000 Zeitungen wurden täglich von Aktivisten der RUM"s verkauft.

Rache

Zusätzlich zu der Bewegung gegen den Vietnamkrieg und der radikalen Schwarzenbewegung entstand nun im Herzen der amerikanischen Schwerindustrie eine revolutionäre Gewerkschaftsopposition.
Die Herrschenden in den USA wurden langsam nervös und reagierten: Das FBI baute die Extraabteilung COINTELPRO auf.
Jetzt wurden die Black Panther bei jeder Gelegenheit angegriffen und in Schußwechsel verwickelt. Die bis dahin erfolgreiche Strategie, die bewaffnete Selbstverteidigung als öffentliche Aktion zu benutzen, um eine revolutionäre Organisation aufzubauen, wurde zur Falle.
Die Panther versuchten, dem Staat militärisch stand zu halten. Das trieb sie in die Illegalität.
Die Chance in den Betrieben Fuß zu fassen, wurde so vertan. Militärisch mußte der Staat siegen: Innerhalb eines Jahres wurden 28 Panther ermordet. Hunderte landeten im Knast.
Mumias politische Laufbahn fing wegen seines Alters erst nach dem Zusammenbruch der Panther richtig an. Als bekannter Radio-journalist berichtete er über rassistische Übergriffe der Polizei. Deswegen geriet auch er ins Visier des FBI. Um ihn auszuschalten, wurde ihm der Mord an einem Polizisten angehängt.
In dem Prozeß wimmelt es von Verfahrensfehlern. So sagten zwei Prostituierte, die Hauptbelastungszeugen, später aus, sie hätten die Aussage nur im Austausch für Geschäfte mit der Polizei gemacht.
Der Richter, ein Mitglied der rechten radikalen Polizeiorganisation FOP, die Mumia als Radiojournalist immer wieder angriff, verhängte trotzdem die Todesstrafe.
Das Todesurteil blieb trotz vieler Berufungsverfahren bis heute rechtskräftig.

Mittelstand

Während Mumia sich in den 16 Jahren Gefängnis weiter gegen Rassismus wehrte, erholte sich die Schwarzenbewegung nicht mehr von der Zerschlagung der Panther.
Die ehemaligen Linken und schwarzen Aktivisten haben sich größtenteils der Gesellschaft angepaßt. Aus militanten Antirassisten und Revolutionären wurden Bürgermeister, Geschäftsleute und sogar Polizeichefs. An der Situation der Schwarzen hat das nichts geändert. Sie kennen die Kehrseite des amerikanischen Booms. Bekamen sie 1975 63% des Lohns eines Weißen, sind es heute 56%. Die Jugendarbeitslosigkeit von Schwarzen liegt bei 34%. Jeder vierte schwarze Jugendliche im Alter von 20-29 Jahren ist schon im Gefängnis gewesen.
Die US-Gesellschaft ist immer noch durch und durch rassistisch. Erst letztes Jahr wurde ein unbewaffneter Schwarzer in New York mit 47 Kugeln von Polizisten ermordet. Jedes Jahr gibt es viele solcher Fälle. Zahlen gibt es nicht, da der Staat seit Jahren keine Todesstatistik bei Polizeieinsätzen mehr führt.
Angesichts dieser Zustände gibt es auch heute das Potential für Widerstand. Als 1991 Polizisten freigesprochen wurden, die einen Schwarzen vor laufender Kamera fast totgeprügelt hatten, wurde Los Angeles von dem größten Aufstand seit 1968 erschüttert. Der Unterschied zu damals ist, daß bisher noch keine radikale Organisation das Potential genutzt hat.
Teile der schwarzen Mittelschicht gehören zu den Gewinnern des Booms. Die Verlierer sind politisch heimatlos.
Mumia Abu Jamal ist die große Ausnahme. Er ist einer der bekanntesten Schwarzen in den USA und militanter Aktivist.
T-Shirts mit seinem Photo und seinen Zitaten sind sehr beliebt. Für Jugendliche und Schwarze ist Mumia ein Held. Er könnte zum Sprachrohr werden für alle, die auch heute noch ein Interesse an einer bedingungslosen Kritik haben: Was in meinem Fall gemacht wurde, ist exemplarisch. Es ist eine politische Entscheidung, geschmiert von der FOP, kurz vor der Wahl. Ich bedaure, daß das Gericht sich auf die falsche Seite gestellt hat. Überrascht war ich aber nicht. Jedesmal wenn unsere Nation im Rassenkonflikt an einem Scheideweg stand, hat sie den falschen Weg gewählt. Den des Kompromisses und des Verrats. Ein Gericht kann einen unschuldigen Mann nicht schuldig machen. Der berechtigte Kampf für Leben, Freiheit und Gerechtigkeit muß weitergehen!
Mumia stellt die Brücke zwischen der Bewegung in den 70ern und dem Potential für einen Kampf gegen den Rassismus heute dar.
Deswegen soll Mumia Abu Jamal hingerichtet werden. Die Herrschenden in den USA glauben, Mumia umzubringen, sei sicherer, als ihn in Freiheit zu sehen. Wir müssen sie eines besseren belehren: Mumia darf nicht sterben!

Von Luigi Wolf

Linksruck Nr. 76, 17. November 1999

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