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Interview: Kinder als Zielscheiben

Linksruck: Du warst mit 400 Italienern in Israel. Wie bist du dann nach Palästina gekommen?

Raffaella: Wir haben uns entschieden, illegal nach Ramallah einzureisen, als Scharon die Autonomiegebieten besetzte. Scharon befahl, zu verhindern, dass irgendwelche Ausländer in die besetzten Städte kommen.

Vorher waren wir in Jerusalem. Wir demonstrierten dort mit palästinensischen und israelischen Friedenskräften und an verschiedenen Kontrollpunkten.

100 von uns haben eine Woche im Krankenhaus von Ramallah verbracht.

Linksruck: Wie ist die israelische Armee in Ramallah vorgegangen?

Raffaella: Wir haben eine besetzte Stadt gesehen, im Belagerungszustand. Wir haben eine alte Frau gesehen, die von einem Scharfschützen erschossen wurde. Wir haben gesehen, wie Granaten auf ein Haus abgefeuert wurden, in dem Menschen waren. Die Kinder in den Straßen waren Zielscheiben für die Scharfschützen.

Wir haben einen Krieg gegen Zivilisten gesehen.

Linksruck: Was bedeutet das für das Alltagsleben der Menschen?

Raffaella: Die Menschen leben 24 Stunden am Tag unter einer Ausgangssperre. Niemand darf auf die Straße. Es gibt keine Chance, Lebensmittel einzukaufen oder sich Medizin zu besorgen. In vielen Vierteln gibt es weder Wasser noch Strom. Die Männer werden verhaftet. Einfache Leute sind ständig in Lebensgefahr. Die israelische Armee dringt in Häuser und Krankenhäuser ein, um Leute zu verhaften.

Linksruck: Ist medizinische oder humanitäre Hilfe möglich?

Raffaella: Während wir in Ramallah waren, durfte nur das Internationale Rote Kreuz einmal mit einem Lebensmittelkonvoi kommen. Aber selbst ihnen wurde der Zugang zu den meisten Vierteln verweigert.

Die Krankenwagen können nicht fahren, um die Toten und Verletzten zu bergen. Sie schießen auf die Krankenwagen. Das Krankenhaus war gezwungen, ein Massengrab auf dem Parkplatz auszuheben. Die Leichen können nicht ohne Strom im Kühlraum bleiben und wegen der Ausgangssperre können ihre Familien sie nicht beerdigen.

Die internationale Gemeinschaft muss mindestens einen Hilfskorridor erzwingen.

Linksruck: In Italien gab es große Demonstrationen für Palästina. Warum unterstützt die globalisierungskritische Bewegung in Italien die Palästinenser?

Raffaella: Die globalisierungskritische Bewegung steht auf der Seite der Menschenrechte. In diesem Fall heißt das, die palästinensische Bevölkerung zu verteidigen.

Doch wir haben im Krankenhaus von Ramallah auch die Würde und Sicherheit der israelischen Bevölkerung geschützt. Scharons gefährdet sein eigenes Land. Sein Krieg führt zu mehr Terrorismus, nicht zum Sieg über ihn.

Linksruck: Spüren die Palästinenser die internatinonale Solidarität?

Raffaella: Ja. Und die Menschen sind froh, nicht alleine zu sein. Isolation ist eines der schlimmsten Gefühle, wenn man unter einem Krieg leidet.

Zeugen sind sehr wichtig für sie, selbst wenn die konkrete Hilfe, die wie leisten, nicht so groß ist. Manchmal ist aber auch diese Hilfe nützlich: Zweimal konnten wir mit einer Menschenkette die Panzer daran hindern, in das Krankenhaus von Ramallah einzudringen.

Linksruck: Was denkst du, dass die Menschen in Deutschland tun sollten?

Raffaella: Wir müssen Druck und nochmals Druck auf unsere Regierungen und auf die europäischen Institutionen ausüben. Wir müssen die Wahrheit erzählen. Wir müssen der jüdischen Gemeinde helfen, indem wir erklären, dass wir nicht gegen sie kämpfen, sondern gegen eine Kriegsregierung. Das ist sehr wichtig. Wir müssen Delegationen nach Israel und Palästina vorbereiten, obwohl es zur Zeit sehr schwierig ist, weil Scharon jeden europäischen Aktivisten an der Grenze stoppt. Und wir müssen Geld für humanitäre Hilfe sammeln.

Linksruck Nr. 128, 16. April 2002

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