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Mai 68: "Eine Macht, die alles beiseite fegen könnte..."

Mai 2003: 35 Jahre später demonstrieren viele Millionen gegen Sozialabbau.
Angefangen hatte alles mit studentischen Protesten. Sie demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und dagegen, dass weibliche und männliche Studenten sich nicht gegenseitig in den Zimmern der Studentenwohnheime besuchen durften. Seit Januar 1968 folgte eine Demonstration der anderen. Am 3. Mai schlossen die Behörden die Pariser Sorbonne-Universität und stellten einige Aktivisten vor Gericht. Daraufhin kam es täglich zu Studentendemonstrationen und Zusammenstößen mit der Polizei.

In der Nacht des 10. Mai bauten die Studenten Barrikaden im Viertel Quartier Latin, mehr als 60 an der Zahl. Ein Augenzeuge: "Buchstäblich Tausende helfen, Barrikaden zu bauen. Frauen, Arbeiter, Zuschauer, Menschen in Schlafanzügen bildeten Ketten, um Steine, Holz, Eisen zu transportieren. Eine gewaltige Bewegung hat begonnen. Unsere Gruppe: Die meisten haben sich nie zuvor gesehen, wir bestehen aus sechs Studenten, zehn Arbeitern, einigen Italienern, Zuschauern und vier Künstlern; wir wussten nicht einmal unsere Namen..." 20.000 verteidigen sich bis zum Morgengrauen gegen die Polizisten. Diese setzen nicht nur Knüppel ein: Sie versprühen CS-Gas, dringen in Cafés und Privatwohnungen ein, zerstören Filme von Fotografen und schlagen selbst schwangere Frauen.

Radio und Fernsehen berichteten live ? und brachten die französische Gesellschaft in Unruhe: Unter der Oberfläche hatte sich soziale Unzufriedenheit angestaut. Häufig hatten auch streikende Arbeiter Erfahrungen mit der Brutalität der Bereitschaftspolizei CRS gemacht.

Die Öffentlichkeit ergriff Partei für die Demonstranten. Ein Spitzentreffen der Gewerkschaftsdachverbände beschloss für den 13. Mai einen 24-stündigen Generalstreik. In ganz Frankreich fanden an diesem Tag Streiks und Demonstrationen statt. Unter der Parole "Solidarität zwischen Arbeitern, Lehrern und Studenten" versammelten sich in Paris nahezu eine Million Menschen zum größten Demonstrationszug, den die französische Nachkriegsgeschichte bis dahin gekannt hatte. Ein Augenzeuge: "Endlos zogen sie vorbei. Jede Fabrik, jede größere Arbeitsstelle schien anwesend zu sein. Es gab zahlreiche Gruppen von Eisenbahnern, Postboten, Druckern, Metro-Personal, Metallarbeitern, Flughafenareitern, Marktmännern, Elektrikern, Rechtsanwälten, Schneidern, Bankangestellten, Maurern, Glas- und Chemiearbeitern, Kellnern, öffentlichen Bediensteten, Malern und Dekorateuren, Gasarbeitern, Verkäuferinnen, Versicherungsangestellten, Straßenkehrern, Busfahrern, Lehrern, Arbeitern aus den neuen Kunststoff-Industrien, Reihe an Reihe, das Fleich und Blut der moderenen kapitalistischen Gesellschaft, eine unendliche Masse, eine Macht, die alles beiseite fegen könnte, wenn sie sich dafür entschiede."

Die Gewerkschaftsführer hatten vorgehabt, es bei einem Aktionstag wie viele andere zu belassen. Doch es sollte anders kommen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten einen Hauch ihrer Macht gespürt. Am nächsten Tag entschieden die 2.000 Arbeiter der Flugzeugfabrik Sud-Aviation bei Nantes, dass eine eintägige Aktion nicht ausreichte. Sie traten in einen unbefristeten Streik, besetzten die Fabrik und sperrten die Werkdirektion in ihre Büros ein. Am Vormittag des 16. Mai besetzten die Arbeiter von Renault in Flins und Le Mans ihre Fabriken. Noch am selben Tage schlossen sich die übrigen Renaultarbeiter an. Damit waren 100.000 im Besetzungsstreik ? am nächsten Tag vervielfachte sich ihre Zahl, ohne dass die Gewerkschaften einen allgemeinen Streikaufruf erlassen hätten. In den folgenden Tagen ergriff die Bewegung die Metall- und Chemieindustrie, den öffentlichen Dienst, dann nahezu alle Industriezweige, dann die Angestellten der Warenhäuser, der Banken und Versicherungen, dann die Lehrer und Beamten. Ende Mai meldeten die Gewerkschaften zehn Millionen Streikende.

In Nantes, einer gewöhnlichen Provinzstadt, zeigte sich wie eine freie Gesellschaft aussehen könnte: Eine Woche lang kontrollierten die Arbeiterorganisationen praktisch die Stadt; Polizei und Verwaltung konnten nur machtlos zusehen. Sie kontrollierten den Verkehr in die Stadt, die Treibstoffversorgung und die Nahrungsmittelzufuhr. So schalteten sie zum Beispiel die Zwischenhändler aus und senkten so drastisch die Preise.

Der Generalstreik warf die gesamte gesellschaftliche Routine aus dem gewohnten Gleis: Totengräber, Nachtklubtänzerinnen, Orchester, Wissenschaftler im nuklearen Forschungszentrum Saclay, selbst Fußballspieler streikten und hissten auf der Zentrale des Französischen Fußballverbandes die rote Fahne. Junge Katoliken besetzten im Quartier Latin eine Kirche und verlangten Diskussion statt Messe.

Premierminister Pompidou schrieb rückblickend: "Es war nicht meine Position, die zur Disposition stand. Es war General de Gaulle, die Fünfte Republik und, in einem beachtlichen Ausmaß, die bürgerliche Demokratie selbst."

Die Bewegung war an einem kritischen Punkt angelangt: Der Generalstreik ? die Lähmung der gesamten Gesellschaft ? konnte nicht ewig andauern. Entweder vorangehen, die Produktion übernehmen, wirtschaftliche Vorteile erkämpfen, de Gaulle zum Rücktritt zwingen, vielleicht in ein paar Monaten den Umsturz auf die Tagesordnung setzen ? oder zurückweichen. Welche Politik sollte sich durchsetzen? Den stärksten Einfluss in der Arbeiterbewegung besaß die Kommunistische Partei. Sie hatte 5.200 Betriebszellen und errang unter Arbeitern bei den Wahlen von 1968 ganze 49 Prozent der Stimmen. Neben zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften kontrollierte sie die CGT-Gewerkschaft, die 1967 ganze 61 Prozent der Betriebs- und Personalräte stellte. Diese Macht wollte die KP aber nicht für die Ausweitung der Bewegung nutzen, sondern für die Eroberung parlamentarischer Macht. Sie nutzte ihren Einfluss, um die bestehenden Strukturen der französischen Gesellschaft zu verteidigen.

Die KP stellte sich an die Spitze der Bewegung und ? würgte sie ab. Ihre Taktik bestand darin, aus loyalen Mitgliedern bestehende Streikkomitees einzusetzen, 80 bis 90 Prozent der Belegschaft nach Hause zu schicken und revolutionäre Studenten von den Betrieben auszuschließen. Unter den Arbeitern, die nun von den regierungstreuen Medien statt von Debatten mit ihren Kollegen beeinflusst waren, machte sich Demoralisierung breit. Die Sabotage der KP endete damit, den Streik auch mit Lügen zu beenden: Sie erzählten den Arbeitern eines Betriebs, die Arbeiter eines anderen wären schon zur Arbeit zurückgekehrt ? auch wenn dies nicht stimmte. Da es außer der Gewerkschaftsmaschinerie keine unabhängige Kommunikation zwischen den Betrieben gab, ging die Taktik auf.

Die KP würgte den Streik Anfang Juni ab, nachdem Regierung und Kapital einige Zugeständnisse gemacht hatten. Es kam noch schlimmer: Während die KP bremste, kam die Rechte wieder in die Offensive. Am 30. Mai brachten sie in Paris eine Million Menschen auf die Straße. Gaullistische Schläger, Rechtsradikale und CRS griffen Gewerkschaftsbüros und linke Aktivisten mit Eisenstangen und Pistolen an und töteten mehrere Aktivisten und Streikposten. Den linken Parteien jedoch brachte ihr Kleinmut keine Früchte: Bei den Wahlen Ende Juni gewann wieder einmal die Partei von de Gaulle.

Was bleibt?



Es gibt diese Momente: Plötzlich überwinden Millionen Menschen Passivität und Alltagstrott, gestalten ihr Leben selbst. Sie verändern Strukturen und Abläufe, die sie immer für unveränderbar hielten und öffnen sich für revolutionäre Ideen. Doch die alten Ideen und die Strukturen, die diesen Ideen entsprachen, verschwinden nicht über Nacht. Vermittelt durch etablierten Kräfte von Gewerkschaften und reformistischen Arbeiterparteien werden die alten Ideen in die Betriebe getragen. Ohne Kampf gegen das Alte wird das Neue nicht gewinnen. Deswegen ist es wichtig, dass sich die Revolutionäre organisieren, und gegen den Einfluss der alten Ideen und ihrer Vermittler zu kämpfen.

Es gab durchaus revolutionäre Aktivisten, die das tun wollten. Der Auftakt des Generalstreiks am 14. Mai in Nantes hatte seine Wurzel auch darin, dass über Monate hinweg eine kleine Gruppe von Revolutionären in der dortigen Gewerkschaft auf eine verallgemeinerte Form des Kampfes gedrängt hatte. Die Radikalität des Studentenmilieus war geeignet, gerade junge Arbeiter anzustecken: "In den ersten paar Maitagen nahm ich jeden Abend fünf oder sechs Arbeiter ? oftmals Mitglieder der Kommunistischen Partei ? in meinem Auto mit zur Sorbonne. Wenn sie am nächsten Tag zur Arbeit kamen, waren sie komplett verändert. Durch die Studenten erhielten sie die politische Erziehung, die sie von der KP nicht bekamen. Die Studentendemonstration schuf ein Umfeld, in dem die Leute frei ihre eigenen Slogans prägen konnten. Bei offiziellen Gewerkschaftsdemonstrationen wurden nur bestimmte, zentral festgelegte Parolen zugelassen. Wenn ein Arbeiter zur Sorbonne ging, wurde er als Held betrachtet." Doch diese Beispiele blieben die Ausnahme. Es gab eine Reihe von Ursachen dafür, dass die Revolutionäre der KP-Maschinerie unterlagen. Schon ihre zahlenmäßige Schwäche verurteilte sie zur Machtlosigkeit: Nur 400 Mitglieder hatten die trotzkistischen Organisationen, etwa gleichstark waren die Maoisten. Die dritte Gruppe, die der Anarchisten, lehnte Organisation ganz und gar ab. Aus dem Konservatismus der Bürokraten von KP und Gewerkschaften schlossen sie, Organisation an sich führe in die Verdammnis. Es sollte sich aber herausstellen, dass linksradikale Parolen und spontane Aktionen nicht ausreichten, den Einfluss des KP-Apparat zu brechen.

Ganz anders hätten sich die Dinge entwickelt, wenn einige zehntausend Revolutionäre geschlossen und mit den richtigen Argumenten in die Bewegung eingegriffen hätten: Sie hätten dafür argumentieren können, dass sich Arbeiter und Studenten zusammenschließen. In den besetzten Fabriken hätten sie sich dafür einsetzten können, dass die Arbeiter an Ort und Stelle bleiben und nicht nach Hause gehen. Dadurch hätte sich die Möglichkeit geboten, dass die Arbeiter selbst die Initiative ergreifen. Sie hätten vorschlagen können, dass die Streikkomitees gewählt und nicht nominiert werden. Sie hätten eine unabhängige Verbindung zwischen den Fabriken aufbauen können. Dadurch wäre verhindern worden, dass die Bürokratie die Arbeiter allzu leicht hinters Licht führen und den Streik abwürgen konnte usw. usw. - mit einer revolutionären Organisation hätte die Bewegung siegen können.

von Gerrit Brüning

Linksruck Nr. 110, 1. Juni 2001

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